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08. Juli 2020:

Social Distancing...?

Gedanken in Coronazeiten

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social Distancing © FL

In Coronazeiten haben wir schnell gelernt, Abstand zu halten, um sich und andere vor Infektionen zu schützen. Ich staune über die Disziplin, die von den meisten Menschen beim Bäcker, an Tankstellen oder auch generell innerhalb der Gesellschaft eingehalten wird:
Wir haben äußerlich Abstand genommen. Das ist auch gut so und hat wohl wesentlich zum Erfolg der Eindämmung der Pandemie beigetragen. Zurückblickend auf die vergangenen Monate muss man aber auch sagen: Es war schmerzhaft, gerade für Großeltern, dass sie ihre Enkel nicht in den Arm nehmen konnten. Es war schon traurig für die Senioren in den Pflegeheimen, monatelang keinen Besuch zu bekommen. Es war schon bedrückend für Kranke, allein in Quarantäne auszuharren. Man war auf sich zurückgeworfen, auf den Hausstand als Ehepaar oder Familie, keinen Kontakt mit der Außenwelt. In der Isolation starb irgendwie die Lebensfreude, es wuchs das Misstrauen. Ja, die Einsamkeit hat vielen
Menschen zu schaffen gemacht, ohne Zweifel. Sie hätten dringend andere Menschen gebraucht.

Jetzt werden gottseidank schrittweise Lockerungen möglich, unter Wahrung der je geltenden Infektionsschutzbestimmungen können wir langsam wieder aufeinander zugehen.
Und auch jetzt staune ich: Es fällt uns gar nicht so leicht.
So schnell wie wir gelernt haben, uns zurückzuziehen, - so habe ich den Eindruck - müssen wir jetzt erst wieder lernen, offen und ehrlich aufeinander zuzugehen, müssen wir wieder Vertrauen wagen und sprachfähig werden, innerlich den Abstand abbauen, uns langsam einander annähern.

Und darum möchte ich - bevor wir wieder zur Tagesordnung übergehen, und jeder wieder sein eigenes Ding macht - Folgendes zu bedenken geben: Wir leben miteinander, Arme und Reiche, Starke und Schwache, Junge und Alte, Gesunde und Kranke, Mutige und Ängstliche, auch Miteinander in verschiedenen Religionen und Kulturen. Wir brauchen einander und wir wollen Rücksicht nehmen aufeinander.
Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber (1878-1965) hat den eindrucksvollen Satz geprägt: „Der Mensch wird am DU zum ICH“, will heißen: In dem Maße wie der individuelle Mensch den Mitmenschen in den Blick bekommt und ernst nimmt, findet er seine eigene Identität.
Einfach ausgedrückt: „Der Mensch wird nur durch die Beziehung zum Mitmenschen Menschen zu einem echten Menschen“. Wir brauchen ein Gegenüber. Wir brauchen das Gespräch. Wir brauchen die Verschiedenheit, aber eine, die sich austauscht, die vertrauensvoll aufeinander zugeht und sich gegenseitig bereichert. Wenn wir uns auf Begegnungen nicht mehr einlassen, verlieren wir einen entscheidenden Bestandteil unseres Lebens. „Es ist so als würden wir aufhören zu atmen“, sagt Buber.

„Social distancing“ ist in den letzten Wochen zu einem Schlagwort geworden. Aber ich denke, es ist das falsche Wort für das, was es landläufig aussagen will nämlich „Willentliches Abstandhalten zwischen Menschen, um eine ansteckende Krankheit zu verhindern oder zu vermindern“. Das wäre besser mit „Räumliche Distanzierung“ oder „äußerliche, physische Trennung“ ausgedrückt. - Diese kann, wie wir gesehen haben, zeitweise notwendig werden.
Wenn jedoch tatsächlich eine „Soziale Distanzierung“ geschehen würde, also eine innere Vereinzelung eine Abspaltung in der Gesellschaft in Einzelgruppen oder Einzelpersonen, die nur um sich selbst kreisen; wenn es tatsächlich geschehen würde, dass niemand mehr mit dem anderen oder andersartigen etwas zu tun haben will, und mir der andere einfach egal ist, dann wäre das verheerend für den gesellschaftlichen Frieden.
Gottesdienstliche Gemeinschaft beginnt oft mit dem kraftvoll wirkenden Zuspruch: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen“ (2. Kor. 13,13). Und das tut gut.
Zur Heilung von den Pandemiefolgen wie Vereinzelung, Gleichgültigkeit und Misstrauen brauchen wir das durch Gott bestärkte Miteinander.
Das wünsche ich Ihnen gerade in den Beziehungen, in denen Sie leben.

Gesehen bei: Pfarrer Bernd Töpfer, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Marktheidenfeld

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