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03. Dezember 2019:

Macht hoch die Tür

Gedanken im Advent

Luthertür.jpg

verschlossenes Tor © FL

Königsberg in Ostpreußen 1642. Seit 24 Jahren war Krieg in Deutschland: Hunger und Seuchen, Armut und Tod. Wohlstand fand man nur noch bei alteingesessenen Kaufleuten. Johann Sturgis war einer davon. Sein neu erbautes Haus am Rossgärter Markt war groß und prächtig. Nur eines ärgerte ihn: Wenig entfernt lag ein Armen- und Siechenheim. Direkt an seinem Gartenzaun verlief der schmale Fußweg, den die Armenhäusler benutzten, um in die Stadt oder sonntags in den Gottesdienst zu gehen. Bald konnte Sturgis den Anblick der armseligen Gestalten nicht mehr ertragen. So kaufte er das Nachbargrundstück, legte einen herrlichen Park an und umgab ihn mit einem Zaun. Ein prächtiges Tor auf der Vorderseite und eine kleine Pforte auf der Rückseite versperrten fortan den Armenhäuslern den Weg. So baten sie Georg Weissel, ihren Pfarrer an der evangelischen Altroßgärter Kirche um Hilfe. Sollte es Gott nicht möglich sein, dass der reiche Mann die Tore aufschließe und auch die Tür seines Herzens öffnete, damit Barmherzigkeit Einzug halten könnte? Als die Adventszeit kam und der Korände-Chor wieder vor den Häusern der Wohltäter schöne Lieder singen sollte, weigerten sich die Sänger vor dem Haus von Sturgis zu singen. Pfarrer Weissel gab zu Bedenken: „Könnten wir denn Advent und Weihnachten richtig feiern, wenn wir den reichen Mann ausschließen würden? Unser Erlöser besucht doch auch jedes Haus und er geht an keinem Herzen vorüber! Wollen wir es ihm gleichtun oder nicht?" So einigte man sich darauf, dass der Pfarrer den Chor begleiten solle. Dann würden sie alle mitgehen. Doch welches Lied sollten sie bei Sturgis singen? Pfarrer Weissel griff in seine Schreibtischschublade und zog ein Blatt heraus, das er Jahre zuvor beschrieben hatte: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit..."

Am 4. Advent formierte sich ein noch nie dagewesener, seltsamer Zug: Nicht nur die Chorsänger, sondern auch viele der Alten und Siechen an Stöcken und Krücken liefen und humpelten, von Haus zu Haus. Als sie zu Sturgis Haus kamen, öffnete der Hausherr ein Fenster und wollte mit selbstgerechtem Lächeln die Dankeslieder der Sänger entgegennehmen. Doch was war das? Schweigend zog die Menge vorüber! Wollte man ihn übergehen oder bewusst kränken? Jetzt machten die Sänger geradewegs vor dem prächtigen, verschlossenen Tor des nebenliegenden Parks halt. Verunsichert lief Sturgis hinterher. Da begann Weissel seine Ansprache. Er sprach vom König aller Könige, der auch heute noch vor verschlossenen Herzenstüren wartet und Einlass begehrt, auch bei Kaufmann Sturgis. „Ich flehe Euch an", fuhr Weissel fort, „öffnet nicht nur dieses sichtbare Tor, sondern das Tor Eures Herzens und lasst den König ein, ehe es zu spät ist". Darauf wandte er sich um und wies auf die Schar der Alten, die ihnen gefolgt waren. In diesem Augenblick begann der Chor zu singen: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit..."

Sturgis schien es, als hörte er einen Engelchor. Tief drangen die Worte in sein Herz ein. Langsam näherte er sich dem Tor, griff bei der zweiten Strophe mit zitternder Hand in die Tasche, holte den Schlüssel heraus und öffnete die beiden schweren Eisenflügel weit. Pfarrer Weissel trat ein, nach ihm der Chor und die Alten. Sie zogen singend durch den Park bis zu der kleinen Tür auf der anderen Seite. Sturgis öffnete auch diese und verkündete, dass von nun an Tor und Tür geöffnet bleiben sollten, um dem König aller Könige in Gestalt der Armen und Siechen, Einlass zu gewähren. Darauf lud er alle in sein Haus ein, auch die Armen deren Anblick er bisher kaum ertragen konnte. Er selbst aber hatte strahlende Augen wie ein Kind am Weihnachtsabend.

So wurde das Lied in der Folgezeit immer berühmter und fand unter der N° 1 im Evangelischen Gesangbuch und unter N° 218 im katholischen Gotteslob einen festen Platz unter den Adventsliedern.

Ich wünsche Ihnen eine herzensoffene  Adventszeit.

gesehen bei:
Pfarrer Bernd Töpfer, Marktheidenfeld

Bilder des Monats:

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