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13. Mai 2019:

Die Kraft der Stille

Gedanken im Frühjahr

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Still, ruhig und leise, © FL

Viele Menschen unserer Zeit klagen über Hetze und Nervosität. Der Alltag hat eine Geschwindigkeit
angenommen, die atemberaubend ist. Doch der Mensch braucht auch Stille.
Ob wir sie uns gönnen ist eine andere Frage. Kürzlich habe ich einen bedenkenswerten Satz
des schweizer Schriftstellers Max Picard gelesen (1888-1965): „Das Schweigen gehört zur
Grundstruktur des Menschen. Deshalb hat nichts das Wesen der Menschen so verändert
wie der Verlust des Schweigens. Der Schwund des Glaubens ist mit dem Verlust
des Schweigens gekoppelt." Ich stelle mir vor, wie der Schriftsteller auf dem Balkon seines
Chalets sitzend, mit Blick auf die erhaben ruhende Silhouette der schweizer Bergwelt schon
vor über 50 Jahren zu dieser Überlegung kam. Und dann frage ich mich, was hätte er erst
heute gesagt, wenn er anstatt der Bergkulisse die quirlige Lebendigkeit einer unterfränkischen
Kleinstadt oder das 24-Stunden-non-stop Treiben einer unserer modernen Großstädte
betrachten würde? - „Wo bleibt der Ausgleich?" hätte er vielleicht besorgt gerufen. „Warum
sorgt Ihr Euch nicht um Euer Gleichgewicht ?" Zum Leben gehört beides in einem ausgewogenen
Verhältnis: Umtriebigkeit und Rückzug, Engagement und Besinnung, Sendung und
Sammlung, Hinausgehen und Einkehren, Kräfteverbrauch und Erholung, engagierter Dienst
und stilles Gebet. Beides gehört immer zusammen: Wer fährt, muss tanken; wer arbeitet,
muss schlafen und wer aktiv ist, braucht die Stille.
Sicher ist Gott überall mit dabei, aber nur an einer stillen Stelle kann Gott seinen Anker aus -
werfen, heißt es. In der Stille spricht Gott seine lebensstärkenden Worte.
Wie schwer unserer heutigen Generation die Stille fällt, erleben wir immer bei Konfirmandenfreizeiten,
wenn wir jeweils um Mitternacht meditative Andachten anbieten. Es braucht einige
Tage, bis die jungen Leute die Stille ohne Wispern und Kichern aushalten können.
Wir merken: Wir brauchen nicht immer nur die Zerstreuung, die uns gehetzte und ruhelose
Nervenbündel nur noch mehr ablenkt, sondern wir brauchen die Stille. „In der Ruhe liegt die
Kraft" sagt der Volksmund, und das gründet sich auf die Weissagung des biblischen Propheten
Jesaja: (Kap. 30,15:) „Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen,
durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein". Seither haben Menschen immer wieder die
Erfahrung machen dürfen, dass das stimmt. Der Psalmbeter hat's erlebt: In Psalm 62 bekennt
er: „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft."

gesehen bei:
Pfarrer Bernd Töpfer, Marktheidenfeld

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