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26. März 2018:

Immer schon!

Gedanken von Pfarrer Thomas Weiß, Luthergemeinde Baden-Baden

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Altar der Lutherkirche Lichtental

Sie sind in arger Verlegenheit! Tief traurig und zu Tode betrübt – und nun auch noch diese bange Frage. Maria, die Mutter Jesu, Maria von Magdala und die Freundin Salome gehen ihren schweren Gang, zum Friedhof, am Ostermorgen. Und verzweifelt müssen sie sich fragen: „Wer rollt uns den Stein fort?“. Denn das wissen sie: Das Grab Jesu ist verschlossen worden, damit keiner den Leichnam raube, damit er vor Tieren geschützt sei, verschlossen mit einem tonnenschweren Stein. Wer rollt uns den Stein fort?
Gerade geht die Sonne auf, kalt ist es noch, und der Nebel lichtet sich nur langsam, ganz langsam. Sie kommen, um einem Toten Gutes zu tun, um ihm, dessen Tod sie kaum begreifen, kaum verschmerzen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Wenigstens anständig begraben werden soll er, nicht einfach hineingesteckt in ein schwarzes Loch, Stein drauf und zu, aus den Augen, aus dem Sinn. Nein, aus dem Sinn ist er ganz gewiss nicht. Dazu ist der Schmerz viel zu groß. Aber der Stein, der Stein liegt zwischen ihnen und dem Geliebten.
»Wer rollt uns den Stein da weg?« Ich kann diese Frage gut verstehen, und die Furcht, die darin schwingt. Es gibt so viele Steine, die mich zur Verzweiflung treiben, die mich entmutigen. Manchmal liegen riesige Steine zwischen mir und meinen Hoffnungen; und meine Pläne, meine Lebensentwürfe scheitern rasch an irgendwelchen Felsen, die sich schwer vor die Zukunft legen. Sie kennen das auch. Steine aus Verletzung und Zorn liegen vor der notwendigen Versöhnung, Steine aus Krankheit und Gebrechen liegen vor dem geruhsamen Lebensabend, ein unüberwindlicher Todesstein, ein Grab-Stein, wenn der vertraute, geliebte Mensch gestorben ist – und Trauer und Verlust liegen wie Steine vor dem Trost, dem Weiterleben-Können ohne den Mann, den Vater, die Mutter oder Tochter.
»Wer rollt uns den Stein da weg?« Die Liebe der drei Frauen muss leidenschaftlich gewesen sein. Sie wissen nicht, wer ihnen helfen mag, sie gehen trotzdem los, in den trüben Morgennebel hinein, in den düsteren Garten, sie riskieren es, unverrichteter Dinge wieder umzukehren. Ihre große Liebe riskiert einen noch größeren Schmerz. Mich rührt das sehr an, mich berührt, dass sie losgehen, auf eine vage Ahnung hin, auf eine zaghafte Vermutung hin, dass irgendwer schon Hand anlegen wird, dass irgendeiner den Stein schon in Bewegung bringt.
Doch nicht irgendwer, nicht irgendeiner – nein, Gott selbst. Gott rollt den Stein da weg. Später begreifen sie’s, zusammen mit den Jüngern, später begegnen sie ihm, dem Auferstandenen, dem Lebendigen, später wird aus einer Schreckensstunde in der Früh doch noch ein Ostermorgen.
Später – was für ein ermutigendes Wort, denn es zeigt an, in welcher Zeit wir leben. Wir leben nach Ostern, wir leben nach der Auferstehung – der Stein ist immer schon fort. Das Grab ist immer schon leer, der Auferstandene hast sein Werk getan, die Zukunft steht offen. Immer schon – in Wahrheit liegt da kein Stein mehr vor unseren Möglichkeiten, das Leben bricht an, immer schon und jeden Morgen neu.
In der Evang. Lutherkirche in Baden-Baden Lichtental ist dieses große „Immer schon“ sehr sinnenfällig dargestellt. Der Altar der Lutherkirche ist hohl, in der Höhlung brennt zu den Gottesdiensten ein kleines Licht. Der Altar ist ein Auferstehungssymbol: Das Grab ist leer – immer schon, und wir können nach vorne leben, zukunftsoffen, hoffnungsfroh.

Thomas Weiß
Evang. Pfarrer
Evang. Luthergemeinde Baden-Baden

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