Website > Startseite
23. April 2018:

Gar nicht so klein!

Gedanken von Pfarrer Thomas Weiß, Luthergemeinde Baden-Baden

HerrundHund.jpg

Herr und Hund ©FL

Vielleicht ist Ihnen das schon mal aufgefallen:
Wer einen Hund sein eigen nennt, wird unwillkürlich kleiner:
Denn es ist ein „Herrchen“, das dem Pudel zu platzen befiehlt, und ein „Frauchen“ wird vom theutschen Teckel durch den Wald geschleift.
Seltsam, oder?
Aber es sind eine Menge Verkleinerungen im Schwange:
Auf schwäbische Mittagstische kommen einfach keine Spatzen, „Spätzle“ aber doch, wer ein „Quäntchen Glück“ hat, rechnet wohl nicht mit mehr (Wer weiß denn noch, was ein „Quant“ ist?),
und Kinder werden „Märchen“ zugemutet, die kernig-kräftige Mär eher nicht.

„Diminutive“ nennen sich diese Worte grammatikalisch – Verkleinerungsformen (wobei „Diminutiv“ korrekt zu schreiben, geschweige denn auszusprechen, schon keine Kleinigkeit ist!).
Da gibt es ganz nette:
Ohrläppchen, Fischstäbchen, Rotkehlchen (es klänge doch auch wirklich übel: Ohrlappen, Fischstab, Rotkehl) –
und ganz gemeine:
Modepüppchen, kleines Würstchen, Bübchen.
Das Evangelische Gesangbuch kennt auch ein paar Mini-Ausgaben: „Weißt du, wieviel Sternlein stehen, Mücklein spielen, Fischlein sich kühlen?“

Dabei sind die Himmelskörper doch Mordstrümmer, geht mir die dicke Mugg‘ auf den Geist, ist der fette Karpfen beleidigt, wenn er so was hört!
Sogar Gott kommt klein daher – jedenfalls bei meiner berlinernden Großmutter, die in Schrecksekündchen das Händchen vor das Mündchen schlug und „Ach, Jottchen!“ rief.
Sie war eine sehr weise Frau.
Tatsächlich macht Gott sich klein; er begegnet uns auf Augenhöhe.
Davon erzählt Jesu Lebensgeschichte, von der Geburt im Ställchen bis zur Auferstehung im Ostergärtlein, in seinem menschlichen Angesicht schaut Gott uns an und sagt: „Ihr seid mir nicht zu klein; ich bin an eurer Seite, ich gehe mit euch.“
Wir sind für Gott eben keine „Menschlein“, keine „armen Würstchen“, keine „Knäb- und Mägdelein“, wir sind die, die er liebt – und das ist etwas sehr, sehr Großes!
Für Gott kommen wir im Diminutiv einfach nicht vor. Da beißt kein Mäuschen ein Fädchen ab!

Das gilt gerade dann, wenn es nicht mehr nur so ein bisschen „Ach, Gottchen!“ ist, das uns von den Lippen kommt,
sondern wenn uns das schwere „Ach, Gott!“ ganz hart auf der Seele liegt und wir kein Wörtchen mehr hervorbringen.
Gott hat uns im Blick (und ein „Blickchen“ gibt es nun mal nicht);
Gott reicht uns seine Hand – und er hat einfach ein Händchen für die, die er sich zu Herzen gehen lässt. Das sind wir.

Thomas Weiß
Evang. Pfarrer
Luthergemeinde Baden-Baden

Bilder des Monats:

Btal1.jpg