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05. Dezember 2017:

Gegenentwürfe

Gedanken von Pfr. Thomas Weiß, Luthergemeinde Lichtental

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Straßenmusik...©FL

Doch! Doch – ich mag sie! Mancher brummelt zwar nur undeutlich vor sich hin, manch eine aber spielt versunken und schön, eigentlich nur für sich selbst.
Der eine jault und schreit zur Gitarre, der andere wispert und lispelt zum Schlagwerk.
Es sind große Künstler darunter: In Hamburg hat mich ein Singer-Songwriter mit klarer Stimme tief beeindruckt, aus Freiburg hab ich die obertönenden Mongolen gut im Gedächtnis, und die Lateinamerikaner mit ihren Panflöten mag ich immer noch sehr.

Der eine oder andere hat schon eins meiner Lieblingsstücke gnadenlos verhunzt (Imagine!), und um die Adventsmärkte herum finden sich jetzt die Mädels ein, denen anzumerken ist, dass sie mit ihrem Geigenunterricht vor nicht allzu langer Zeit begonnen haben, und die Jungs, die zum Blockflöten-Weihnachtsmusizieren ganz offensichtlich unter Strafandrohung gezwungen worden sind.
Aber ich mag sie, ich mag sie alle: die Straßenmusikantinnen und –musikanten.
Und ich bleibe gerne stehen und spendiere meinen Einkaufswageneuro, den ich immer in der Tasche trage (und der sonst erst in der Waschmaschine wieder zum Vorschein käme …).

Ich höre und sehe sie so gern, weil sie Klänge auf die Straßen bringen, weil dann noch etwas anderes zu hören ist als Lärm und Getöse, weil da eine Buntheit waltet, die mit den Werbetafeln und dem Marktgeschrei nichts zu tun hat.
Straßenmusik – so laut oder leise, so professionell oder handgestrickt sie auch sein mag – ist ein rechter Gegenentwurf zur Hektik, zur Marktförmigkeit unserer Tage (auch unserer Vor-Weihnachtstage).

Und hab ich da nicht schon manchmal einen Engel singen hören?
Ich bin sicher – denn die Adventszeit selbst, die Weihnacht zumal, die sind Gegenentwürfe zu allen Zeiten, die sich hektisch oder lärmerfüllt, wolkenverhangen oder eiskalt geben.
„Schau doch, ich komme und will bei dir wohnen!“
„Mache dich auf und werde licht, denn dein Licht kommt!“ – das sind biblische Zusagen gegen Leere und Last, Lärm und Langeweile.
Gegenentwürfe, auf die ich mich verlassen kann.

Ein Straßenmusiker muss nach einer Weile den Standort wechseln, oder – weil es zu kalt wird – ganz einpacken; dann verklingen die Lieder und Töne.

Gott packt nicht ein, zieht nicht weiter, Gott packt aus und nimmt uns in sein Licht, seine Liebe hinein. Davon gibt es manch schönes Lied zu singen!

Thomas Weiß
Evang. Pfarrer
Luthergemeinde Baden-Baden

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